Was ist eine KI-Transformation?
Transformation bedeutet, dass man eine Organisation grundlegend verändert, sodass sie hinterher anders aufgebaut ist und anders arbeitet als vorher.
Transformation bedeutet für mich aber auch immer, dass ich mich in Richtung Kunde transformiere – und nicht nur nach innen.
Durch KI können wir nun Dinge tun, die wir vorher nicht konnten, und daher stellt sich die Frage, ob KI Unternehmen in eine Transformation zwingt.
Nehmen Sie KI zum Anlass, sich als Organisation zu fragen, was das für Sie bedeutet. Ich erkläre Ihnen, was ich sehe.
Für mich haben sich fünf große Ideen herauskristallisiert:
- Systemadministration & Softwareentwicklung
- Kundenorientierung
- Bürokratiebewältigung
- Bedeutung kodifizieren
- Marktplätze ohne Plattformen
Systemadministration & Softwareentwicklung
Dass die Softwareentwicklung von KI profitiert, das haben mittlerweile alle gemerkt und alle wenden es auch an. Das verändert natürlich die Zusammenstellung von Teams und die Qualifizierung von Nachwuchs. Business und IT rücken näher zusammen, da, wo es längst überfällig war.
Zum Thema Nachwuchskräfte: Natürlich braucht es auch weiterhin junge Menschen im Unternehmen, die noch lernen müssen! Jede Kultur, die Traditionen und Wissen nicht weitergibt, stirbt irgendwann aus. Eine Organisation muss sich stetig erneuern. Jedoch wird man anders lernen als vorher.
Das Thema KI und Bildung verdient einen extra Artikel, daher hier nur ein kurzes Beispiel aus meinem Leben.
Ein Beispiel aus meinem Leben
Ich hatte im Studium alles Mögliche über Netzwerke gelernt. Und alles wieder vergessen. Nun habe ich KI genutzt, um Aufgaben im Bereich der Systemadministration zu erledigen. Ich habe eine Website, die soll bei Google gefunden werden. Ich habe Microsoft Office für mein Business. Und ich will natürlich, dass alles professionell funktioniert: Wenn ich eine E-Mail über Outlook versende, so soll sie mit meiner Domain versehen sein, und wenn jemand etwas googelt, was ich kann, so soll er meine Website finden.
Die KI hat mir erklärt, wie das alles geht. Aber ich hätte es niemals geschafft ohne die Basis aus dem Studium. Ich habe zwar alle Details vergessen, aber ich kenne immer noch alle Fachbegriffe und Mechanismen, die man kennen muss, um nicht total überfordert damit zu sein.
KI ist ein riesiger Hebel bei Softwareentwicklung und Systemadministration, aber ohne Fachkenntnisse kann ich sie nicht richtig nutzen. Man muss diese also weiterhin lernen – nur anders als vorher!
Ich will aber gar nicht beim Thema Tech hängen bleiben, denn am Ende des Tages hat jedes Unternehmen Kunden, und um die geht es doch.
Kundenorientierung
Kundenorientierung ist überhaupt nichts Neues. Neu ist, dass ich „langweilige" Arbeiten nun noch besser automatisieren kann, um somit noch individueller und hochwertiger auf Kunden eingehen zu können.
Um diese Art der Transformation schaffen zu können, benötige ich zunächst ganz viel Basiswissen über schon vorhandene Methoden, die alle auf den gelieferten Wert für den Kunden einzahlen:
- Customer Journey
- UI/UX
- Ende-zu-Ende-Verantwortung
- agile Arbeitsweisen
- hypothesenbasiertes Arbeiten
- Lean Thinking
- DevOps
- andere Führungstrukturen
- und so weiter und so fort, es gibt noch viel mehr
Es gibt Organisationen, die haben die eine oder andere Entwicklung versäumt oder nur halbherzig umgesetzt. Mit KI ist die Gelegenheit, das nun vollständig zu transformieren, sodass die Kundenorientierung noch besser wird – bzw., wenn ich es richtig mache, erschließe ich sogar neue Geschäftsfelder und neue Kunden.
Das Umsetzen der Methoden führt zwangsläufig dazu, dass ich Teams und Führungsstrukturen anpassen muss. Es gibt Organisationen, die das schon vor über zehn Jahren getan haben, und ich war dabei. Diesen Teil der Transformation nachzuholen lohnt sich in jedem Fall.
Diese Transformation ist nicht primär auf KI ausgerichtet, denn dieser Strang schaut in Richtung Kunde. Aber KI kann an allen Stellen sinnvoll mit eingesetzt werden.
Bürokratiebewältigung
KI ist absolut genial darin, Bürokratie zu bewältigen. Diese Chance muss man nutzen. Das Lesen und Durchforsten von viel Material und das Ausfüllen und Bearbeiten von Formularen – dafür ist KI ein richtiger Segen. Es lohnt sich, da Zeit zu investieren, denn hinterher arbeitet die KI so viel schneller als ein Mensch, und man ist die lästige Arbeit los.
Dieser Teil der Transformation ist auch deshalb so wichtig, weil man dann ein Gefühl dafür bekommt, wohin die Reise mit KI eigentlich geht. Wenn man mal erlebt hat, wie KI innerhalb kürzester Zeit Formulare ausfüllt – und zwar nachdem man Instruktionen gegeben hat, die alles bereitstellen, was die KI zum Ausfüllen braucht –, stellt man sich sofort die Frage:
Warum gibt es überhaupt noch Formulare für Menschen?
Ein großer Bereich der KI-Transformation wird genau das sein. Jeder hat irgendwann seinen persönlichen KI-Agenten, und wenn Organisationen von diesem Menschen Informationen benötigen, die bisher über ein Formular übermittelt wurden, so kann das in Zukunft der KI-Agent für den Menschen tun.
Der KI-Agent braucht aber kein Formular, und die Organisation, die die Informationen haben will, arbeitet ja eh wieder in Systemen mit den Informationen weiter. Also warum nicht die Informationen direkt vom KI-Agenten in das System übergeben lassen, ohne den Zwischenschritt Formular?
Bevor das Wirklichkeit wird, müssen erst einige Fragen geklärt werden:
- Identität: Wie weist sich ein KI-Agent aus?
- Sicherheit: Wie schützt man die Übergabe der Informationen?
- Missbrauch: Wie erkennt man Angriffe von "bösen" KI-Agenten?
Aber dass das Teil der Zukunft werden wird, ist in meinen Augen unstrittig.
Bedeutung kodifizieren
In dem Moment, wo ich meinen KI-Agenten nutze, um Formulare für mich auszufüllen, denkt man logischerweise daran, dass auch andere Leute ihre KI-Agenten nutzen. Und es fallen einem noch mehr Anwendungsgebiete ein.
Ich will zum Beispiel keine Websites mehr durchsuchen müssen, in denen ich nichts finde. Oder in denen ich stundenlang rumklicken muss, bevor ich was finde. Wie schön wäre es, wenn mein KI-Agent für mich nach der besten Autoversicherung sucht. Kann er das?
Nein! Heute noch nicht! Er könnte es zwar, aber die Versicherung kann ihm nichts geben. Heute muss man sich noch durch Vergleichsportale klicken, und der KI-Agent kann damit nichts anfangen. Zum einen, weil die Formulare alle für Menschen gebaut sind, und zum anderen, weil es vielleicht nicht immer eindeutig ist, was mit einem Feld gemeint ist.
Ein riesiger Teil der KI-Transformation wird sein, Bedeutung zu kodifizieren.
Okay, das klingt jetzt sperrig, daher hier ein paar Beispiele.
Beispiel: Die Autoversicherung
Es gibt viele verschiedene Autoversicherungen. Angenommen, alle stellen ihre Informationen für KI-Agenten lesbar zur Verfügung. Und ich suche nun mit meinem KI-Agenten die beste Autoversicherung. Angenommen, alle haben ähnliche Preise und ähnliche Leistungen. Welche soll der KI-Agent mir denn empfehlen?
Mein Ansatz wäre: Die Versicherer müssen kodifizieren, wofür sie denn stehen! Wenn ich die Werbung nicht ansehe, muss es ja irgendwas für KI-Agenten Lesbares geben, womit die Unterschiede klar werden.
Beispiel: Das Möbelstück
Ich suche ein bestimmtes Möbelstück aus einem bestimmten Holz mit bestimmten Kriterien, und vielleicht habe ich auch noch ein paar Kriterien zum Hersteller. Damit der KI-Agent das finden kann, muss die gesamte Bedeutung dessen kodifiziert und für KI-Agenten lesbar sein.
Warum sage ich nicht digitalisiert? Oder in reiner Textform? KI-Agenten können ja wunderbar Text lesen.
Das ist bestimmt ein guter Anfang. Aber vielleicht will ich ja viel genauer kontrollieren, was der KI-Agent über mein Unternehmen und meine Produkte ausgibt. Daher denke ich bei dem ganzen Thema an Textbausteine, die in ein deterministisches Gerüst gebracht werden, die der KI-Agent genau so ausgeben muss. Technisch geht das heute alles schon. Nur es hat noch kaum jemand angefangen, es zu tun.
Beispiel: Der selbständige Berater
Jemand ist selbständiger Berater. Diese Person hat eine Website, ein LinkedIn-Profil, schreibt einen Blog auf Substack, postet auf Instagram und auf X und hat Bücher geschrieben. Bei fast allen, die ich bisher kennengelernt habe, laufen die Informationen auseinander. Will mein KI-Agent nun lesen, was die Person macht und ob ich sie engagieren will, so ist es reine Glückssache, ob der KI-Agent alles zu der Person findet.
Es gibt keine Single Source of Truth.
Man kann versuchen, alles über die Website abzubilden, aber man muss heute immer noch zig Stellen anfassen. Ich denke, die Zukunft wird so aussehen, dass man die Bedeutung – wer man ist, wofür man steht, wo man zu finden ist, was man so macht und so weiter und so fort – kodifizieren muss, sodass KI-Agenten das problemlos lesen können.
Jeder hat dann seine persönliche „API".
Diese kann von anderen abgerufen werden, aber sie dient auch nach innen als single source of truth and speist alle anderen digitalen Orte mit den richtigen Informationen.
Ich bin bereits mittendrin, das für mich selbst zu bauen. In ein paar Jahren fragen wir uns, wie wir das je ohne ausgehalten haben.
Marktplätze ohne Plattformen
Und wenn man diesen Gedanken noch weiter spinnt: Jeder hat sein kodifiziertes Ich, sozusagen den Teil, den man von sich selbst zeigen will – wozu brauchen wir dann noch Plattformen?
Nur noch, um entdeckt zu werden. Aber wie man andere findet, das ist ein lösbares Problem.
Jüngere Leute werden mir nicht folgen können. Ich muss ausholen. Als das Internet entstand, habe ich schon mit Computern gearbeitet; ich war sozusagen live dabei, als das Internet der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt wurde.
Wir hatten damals Visionen und Träume vom Internet, vom Miteinander-vernetzt-Sein. Diese Träume wurden im Lauf der Jahre alle nicht wahr. Und nun träume ich sie aber wieder!
Damals gab es schon Schema.org, eine Art Code, mit dem man Inhalte kodifizieren kann, und für Websites wird es teilweise genutzt. Man konnte das damals schon machen und sich vernetzen, aber die Hürde war so groß:
- die Hürde, es überhaupt zu erstellen
- die Hürde, es aktuell zu halten
Es war nur für Freaks. Nun ist es mit KI superleicht, etwas zu erstellen, und ich kann auch Fehler machen beim Kodifizieren – die KI kann sich trotzdem was zusammenreimen. Es ist also nicht mehr so extrem schwer.
Stellen Sie sich nun vor: Jeder hat seine „API" und bietet dort seine Services und Produkte an. Oder man teilt seine Interessen mit. Das könnte ein Marktplatz werden. Oder ein schwarzes Brett.
Man könnte etwas Neues erschaffen, ganz ohne die riesigen Plattformen, die wir heute verwenden.
In Unternehmen wird es schon sehr bald passieren, dass Daten die Plattform verlassen, weil die KI-Agenten sonst nicht plattformübergreifend arbeiten können. Denn jeder Ende-zu-Ende-Prozess in Richtung Kunde erstreckt sich über mehrere Plattformen. Wenn KI hier zum Einsatz kommen soll, so müssen Daten die Plattform verlassen, und ich muss die Bedeutung der Daten hinterlegen – das ist das, was alle mit Semantik, Ontologie, Knowledge etc. meinen.
Ich denke, das wird auch den Rest der Welt erfassen. Wenn ich dem Rest der Welt über meine API mitteilen kann, wer ich bin, was ich biete und was ich suche, so muss ich mich nicht auf Plattformen beschränken.
Bestes Beispiel ist LinkedIn. Der Ursprungsgedanke war das Sich-Vernetzen.
Man hatte Kontakte. Nun habe ich Kontakte und Follower, und wenn ich etwas poste, wird es ihnen nicht gezeigt. Ich muss mich also dem Algorithmus anpassen, um etwas mitzuteilen. Das tue ich aber nicht. Also wird es keinem gezeigt. Ich bin ja kein Prediger aus „Life of Brian", der immer die gleiche Platte abspult.
Wenn nun jeder sich mit KI-Agenten vernetzen und kommunizieren kann und wir einen Weg finden, uns gegenseitig zu entdecken, dann können wir das ohne die Algorithmen von Plattformen tun.
Fazit
Bis dahin gibt es noch viele Fragen zu klären, aber es ist möglich. Darauf will ich hinaus.
Meine persönliche Meinung ist, dass das die viel größere KI-Transformation wird als alles, worüber sonst so gesprochen wird. Denn die Art und Weise, wie KI-Agenten miteinander kommunizieren werden, wird auch Auswirkungen darauf haben, wie man das Unternehmen nach innen verändern wird.
Noch ist es nicht so weit.
Aber wenn Sie anfangen wollen, dann denken Sie gleich mit, wie Sie der Außenwelt – den KI-Agenten anderer Menschen – sagen wollen, wer Sie sind, was Sie bieten und wofür Sie stehen.